Zur Inszenierung des Alltags zwischen Poesie, Betroffenheit und Gleichgültigkeit

von Haro

Ein Beitrag von Anna Hohmnann und Johanne Lefeldt

Einen Programmpunkt etwas anderer Art stellte die öffentliche Podiumsdiskussion am Kongress- Dienstag dar, zu der drei Filmemacher zum Thema “Dokumentarfilme: Zur Inszenierung des Alltags zwischen Poesie, Betroffenheit und Gleichgültigkeit” eingeladen waren. Professor Dr. Michael Simon leitete die durchgängig interessante und spannende Diskussion zwischen den Dokumentarfilmern Hans-Dieter Grabe, Bettina Blümner und Marius Risi.

Das Gespräch gestaltete sich besonders vielseitig, da diese nicht nur unterschiedliche Generationen repräsentieren, sondern sich auch in ihrer filmischen Herangehensweise, ihren beruflichen Erfahrungen und ihrer Herkunft unterscheiden. Der fast vierzig Jahre für das ZDF arbeitende Autor und Regisseur Hans-Dieter Grabe gehört dabei zu den bedeutendsten deutschen Dokumentarfilmmachern und wurde für seine Beiträge mehrfach mit Preisen und Auszeichnungen bedacht. Er war mit seiner Dokumentation “Do Sanh - der letzte Film” im Kongresskino vertreten. Bettina Blümner erhielt auf der diesjährigen Berlinale den Nachwuchspreis “Dialogue en perspective” für ihr Langfilmdebüt “Prinzessinnenbad”, der ebenfalls im Kongresskino zu sehen war. Der Schweizer Marius Risi, der als einer der Vertreter des volkskundlichen Films gelten kann, wurde mit einem Dokumentarfilm über Oberwalliser Lebenswelten im Wandel im Rahmen unseres Faches promoviert. Seine Arbeit erscheint besonders interessant, da sie versucht, Medienpraxis mit kulturwissenschaftlichen und ethnographischen Zielsetzungen und Inhalten zu kombinieren.

Die Chancen und Grenzen der filmischen Dokumentation sind im Fach immer wieder diskutiert worden und deshalb auch vor dem Hintergrund des Kongressthemas von besonderer und aktueller Relevanz. Studien im Feld, Begegnungen mit Menschen und die Darstellung von Wirklichkeit sind wesentliche Bestandteile der Arbeitsweise von Dokumentarfilmern und Kulturwissenschaftlern. Diese Gemeinsamkeiten weisen darauf hin, dass der Dokumentarfilm für den Kulturwissenschaftler eine fruchtbare Ausdrucksform darstellen kann, die sich allerdings als “fachliches Neuland” noch nicht vollständig etablieren konnte.

Vor diesem Hintergrund stellte sich auch in der Podiumsdiskussion die zentrale Frage nach der Authentizität des Dokumentierten beziehungsweise der dargestellten Wirklichkeit, die für die wissenschaftliche Auseinandersetzung unabdinglich ist. Inwiefern können also Dokumentarfilme Realität objektiv abbilden und wo beginnt Inszenierung? Anhand der Arbeitspraxis der Gäste, wurden diese Aspekte beispielhaft erörtert: Kann erst bei der Einsetzung von Spielfilmelementen in einem Dokumentarfilm von Inszenierung gesprochen werden oder stellt schon der durch den Regisseur subjektiv festgelegte Schnitt eine “Verfälschung” der Realität dar? Auch die Anwesenheit des Filmteams während der Dreharbeiten könne die Authentizität der Protagonisten beeinflussen. Des weiteren sei es denkbar, dass die Intentionen des Autors sowie die Selektion und Hervorhebungen von Ausschnitten der Wirklichkeit die authentische Dokumentation bestimmen. Den Diskussionsteilnehmern war gemein, dass sie in besonderem Maße die Bedeutung der Glaubwürdigkeit ihrer Filme unterstrichen. In diesem Zusammenhang ist auch das Spannungsfeld von Nähe und Distanz des Dokumentarfilmers zu seinen Protagonisten anzuführen. Auf der einen Seite sei die Wahrung der Distanz zu den Protagonisten die Voraussetzung beziehungsweise notwendige Bedingung für eine objektive Herangehensweise des Filmemachers an seine Arbeit. Auf der anderen Seite könne er nur durch Nähe eine Vertrauensbasis geschaffen werden, ohne die eine realitätsnahe Dokumentation nicht möglich sei. Gerade der Prozess des Kennenlernens wurde von allen Filmemachern als besonders wichtig erachtet.

Viele weitere interessante Diskussionspunkte wurden in den zwei Stunden angerissen, was mitunter auch auf die rege Teilnahme des Plenums zurückzuführen war. Der Veranstaltungscharakter bedingte die aktive Teilnahme sowie eine lockere und anregende Atmosphäre im Saal. Die eingeladenen Gäste trugen ein Wesentliches dazu bei, den interdisziplinären Dialog zu fördern. Dies lässt auf einen weiteren Austausch und eine Annäherung von Medienpraxis und Kulturwissenschaften hoffen.

Datum: Freitag, 28. September 2007, 9:36 Uhr
Themengebiet: Kongresskino, Vorträge Trackback: Trackback-URL
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