Vom “blinden Fleck”, “Kunst in Kontaktzonen” und “gelebter Volkskunde”
von Fee
Ein Beitrag von Anne-Christin Lux und Nina Hänle
Drei Vorträge, drei unterschiedliche Forschungsgebiete und ebenfalls drei methodische Herangehensweisen erwarteten den Zuhörer in der Forschungssektion des 36. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde.
Die erste Referentin, Prof. Dr. Kira Kosnick, berichtete über einen “blinden Fleck in der Migrationsforschung”, denn die zweite und dritte Einwanderergeneration trifft sich in Städten wie Berlin, London und Paris in ethnischen Clubszenen. In Berlin gibt es eine türkisch-orientalische Szene, in London den Asian Underground und Teile der Paris Clubkultur sind von nordafrikanischen Einwanderern geprägt. Nach Kosnick bilden sich in den migrantischen Clubszenen “neue Formen von Sozialität” und diese sollen in ihrem Forschungsprojekt untersucht werden, dabei möchte sie sich bei ihrer Feldforschung mit den Gayhane Partys in Berlin beschäftigen.
Ein Kunstprojekt im öffentlichen Raum, stellte Frau Dr. Judith Laister vor. Der Volkertplatz in Wien, ein überwiegend von Migranten bewohntes Viertel, wurde 2006 für fünf Wochen zur “Kontaktzone” zwischen Kunst und Bürger. Frau Laister ging folgender Fragestellung nach “Was sucht die Künstlerin im Feld und was kann die Ethnologin von ihr lernen”.
Das letzte Drittel der Forschungssektion stand unter dem Vorzeichen einer exakten Quellenanalyse und interessanten Fragestellung. Welchen Einfluß nahm der Verleger Eugen Diederichs Anfang des 20. Jahrhunderts auf die Formierung der jungen Disziplin Volkskunde? Frau Dr. Christina Niem gab hier einen überzeugenden Einblick in die Wissenschaftsgeschichte des Faches, indem sie detailliert aufzeigte, wie Diederichs vor allem volkskundliche Literatur namhafter Fachvertreter publizierte. Der Verleger förderte nicht nur einen volkskundlichen Lehrstuhl an der Jenaer Universität, den Hans Naumann innehatte, sondern ermöglichte zahlreichen Volkskundlern wie Adolf Spamer, Will-Erich Peuckert, Friedrich Sieber und Eugen Fehrle die Veröffentlichung ihrer Werke. Diederichs hatte somit einen nicht geringen Anteil an der Bildung einer frühen volkskundlichen Scientific community, wobei es sein erklärtes Ziel war, wissenschaftliche Erkenntnisse einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Auch im Privatleben des Verlegers zeigte sich sein Interesse an volkskundlichen Fragestellungen, z.B. als Organisator romantisch-verklärter Sonnwendfeiern. Mit Naumann und Peuckert verband ihn eine lebenslange Freundschaft. Nach Diederichs Tod Übernahmen die Söhne den Verlag und vertieften die Zusammenarbeit mit den volkskundlichen Fachvertretern, denen dadurch eine nicht zu gering einzuschätzende Plattform geboten wurde.

