Podiumsdiskussion

von Anne

Ein Beitrag von Sabrina Schmidt

Dokumentarfilme: Zur Inszenierung des Alltags zwischen Poesie, Betroffenheit und Gleichgültigkeit

Eingeleitet wurde die Podiumsdiskussion von Prof. Dr. Michael Simon, der im Dokumentarfilm eine Schnittstelle von Alltagskulturwissenschaft und Medienpraxis sieht. Sowohl der Filmemacher als auch der Kulturwissenschaftler bevorzugen das Feld als Ort ihrer Studien und die Begegnung mit Menschen steht bei beiden im Vordergrund. Zur Diskussion wurden drei Dokumentarfilmer ganz unterschiedlicher Herkunft gebeten:

Markus Risi hat Europäische Ethnologie in der Schweiz studiert und legte seinen ethnographischen Film “Im Lauf der Zeiten: Oberwalliser Lebenswelten” im Rahmen seiner Dissertation vor. Hans-Dieter Grabe blickt auf eine fast vierzigjährige Berufspraxis als Dokumentarfilmer beim ZDF zurück und Bettina Blümner erhielt in diesem Jahr auf der Berlinale den Nachwuchspreis “Dialogue en perspective” für ihr Langfilmdebüt “Prinzessinnenbad”.

Bei einem ersten Versuch, den Dokumentarfilm zu definieren und von anderen Formen der filmischen Repräsentation abzugrenzen, zeigte sich, dass vielfältige und teils nur schwer zu fassende Elemente einen Dokumentarfilm ausmachen (können): Herrn Grabe war es wichtig, den Dokumentarfilm vom Spielfilm zu unterscheiden. Er sprach sich dabei entschieden gegen eine Vermischung der beiden Filmarten aus. Manipulation und Lügen hätten durch die vielfachen filmtechnischen Möglichkeiten zugenommen und neue Erscheinungen wie der Borderline-Journalismus reduzierten das Gezeigte auf bloße Sinneseindrücke. Herr Grabe bescheinigte dem Zuschauer jedoch die Fähigkeit, einen authentischen, wahrheitsgemäßen Dokumentarfilm von einem inszenierten unterscheiden zu können, wenn dieser Prozess auch ein eher unbewusster sei. In der Medienwelt erscheine der Dokumentarfilm ohnehin als subversiv, da das Endprodukt anders als beim inszenierten Spielfilm nicht absehbar sei. Gleichzeitig warnte Hans-Dieter Grabe vor der Anpassung der Regisseure an die Anforderungen des Marktes zur Gleichförmigkeit, wenngleich, wie Bettina Blümner bemerkte, die zwangsweise Freiberuflichkeit zu einer neuen Abhängigkeit von den Produktionsfirmen ühre.

Im Laufe der Diskussion sollten es gerade die beiden Arbeitsbegriffe Authentizität und Inszenierung werden, deren Klärung sich als schwierig erwies. So stellte Herr Risi die Frage in den Raum, ob die Inszenierung und damit eine Reduktion der Authentizität nicht schon im Schnitt oder, wie eine Zuschauerin bemerkte, mit der Selbstinszenierung des Protagonisten beginne. Frau Blümner merkte an, dass unter Zuhilfenahme filmischer Mittel vom Dokumentarcharakter eines Filmes abgelenkt werden könne, um so die Identifikation mit den Protagonisten zu erhöhen.

Die drei Teilnehmer unterstrichen trotz aller Unterschiedlichkeit ihres filmischen Werks die Bedeutung der Phase des Kennenlernens, in der eine Beziehung zum späteren Protagonisten des Films aufgebaut wird. Gerade beim Dokumentieren von Lebensgeschichten sei eine lange Vorlaufzeit vor dem eigentlichen Drehbeginn erforderlich. Seine Beziehung zu dem vietnamesischen Kriegsverwundeten Do Sanh zum Beispiel, den Hans-Dieter Grabe über 25 Jahre begleitete, bezeichnete der Dokumentarfilmer als ein Arbeitsverhältnis, da nur ein solches klar mache, welche Anliegen die beteiligten Parteien verfolgten. Dass die Motivation zur Mitarbeit jedoch veränderlich ist und die Erwartungshaltungen der Protagonisten mitunter enttäuscht werden, bestäigten alle drei Dokumentarfilmer. In diesem Zusammenhang halten es Grabe und Blümner auch für legitim, die exponierten Protagonisten unter entsprechenden Umständen zu bezahlen.

Datum: Donnerstag, 27. September 2007, 10:31 Uhr
Themengebiet: Kongresskino, Vorträge Trackback: Trackback-URL
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