Do Sanh - der letzte Film
von Marlene
â?¦ ist der letzte einer Reihe von Dokumentarfilmen über den, lebenslang an Kriegverletzungen leidenden, Vietnamesen Do Sanh.
Hans-Dieter Grabe ist die Gratwanderung, vor der er sich fürchtete, gelungen. Er hat aus dem Filmmaterial vieler Dreharbeiten ein beeindruckendes, informatives Portrait über das Leben dieses Mannes kreiert, ohne dabei unangemessen zu Tränen zu rühren. Die bestechend ehrliche, unbefangene, mitunter weise Art seines Gegenübers hilft ihm dabei.
Do Sanh erzählt aus seinem Leben, das so hart erscheint, dass man sich Glück darin nicht vorstellen kann. Er sieht das anders und erstickt so Regungen der Tränendrüse im Keim: Nach einer schweren Zeit auf der Straße findet er wieder Halt, heiratet, kommt zu Haus und Tochter und ist sehr stolz darauf. Er hat nun alles, was er sich in seinen schlechten Zeiten auf der Straße gewünscht hatte, an deren Folgen er aber dennoch stirbt.
Ein Aspekt, der mir besonders aufgefallen ist, ist die Fragwürdigkeit von Entwicklungsarbeit (obwohl das vermutlich nicht Aussage des Filmes sein soll). Gegen Ende des Filmes wird Do Sanh vor die Wahl gestellt, entweder eine mehrmonatige Entziehungskur zu machen, er konsumiert regelmäßig Morphium und Opium, oder er bekomme keine finanzielle Hilfe aus Deutschland mehr. Er ist nicht stolz darauf, dass er Drogen nimmt, im Gegenteil, aber er hatte eine vorangegangene Entziehung abgebrochen und sichtlich keine Ambitionen, noch mal eine zu beginnen. Unter gegebenen Bedingungen entscheidet er sich natürlich für die Kur und der Misserfolg ist vorprogrammiert. In Frage zu stellen wäre ganz allgemein die Annahme des Erfolges einer Maßnahme, deren Konzept den Werten und Lebensbedingungen unserer Gesellschaft entspringt, unter komplett anderen Bedingungen. Beispielsweise könnten die Drogen für Do Sanh eine wichtige Hilfe gewesen sein, um mit seinen Kriegsverletzungen und daraus folgenden Beeinträchtigungen und Schmerzen überhaupt leben zu können.
In der Diskussion nach dem Film, zu der der Autor Hans-Dieter Grabe anwesend war, kamen andere Aspekte zur Sprache. Sichtlich bewegt war den Autor bei der Beantwortung der Frage nach
Konflikten in seiner Beziehung zu Do Sanh. Grundsätzlich hätten sie ein geklärtes Arbeitsverhältnis zueinander gehabt. Wie bei den äußeren Umständen nicht anders zu erwarten gab es aber Krisen, in denen die in den Jahrzehnten gewachsene emotionale Bindung zum anderen ihren Tribut forderte. Als eine solche Situation beschrieb Grabe eben die, in der Do Sanh zu der Entziehungskur “gezwungen” wird und verzweifelt ist. Das sei ihm sehr nahe gegangen.
Mehrere Fragen an Herrn Grabe bezogen sich auf den “Kulturschock” der vietnamesischen Kinder, die erst verletzt nach Deutschland gebracht und 5-6 Jahre später, einigermaßen genesen, in das Kriegsgebiet zurück gebracht wurden. Auch die Auswirkungen der Dreharbeiten über Do Sanh auf Do Sanh, kamen zur Sprache. Herrn Grabe gelang es in allen Fällen die Fragen anschaulich zu klären.

