Sektion VI: “Vor-Bilder” - Bernd Rieken

von Fee

Ein Beitrag von Joachim Deiss

Die Sektion VI beschäftigte sich Dienstag morgens um 9:00 h mit dem Thema “Vor-Bilder”. Unter der Moderation von PD Dr. Alfred Messerli wurden verschiedene Aspekte dieses Themas beleuchtet. Univ.-Prof. Mag. Dr. Dr. Bernd Rieken referierte in “Überall war Entenhausen” über die Comics des Zeichners Carl Barks in der Übersetzung von Erika Fuchs.

Sein Beitrag war für mich ausschlaggebend, mir die Beiträge dieser Sektion anzuhören. Neben einigen Informationen zu Carl Barks setze sich Rieken mit der Übersetzung von Erika Fuchs auseinander.
Der Name des Zeichners Barks blieb lange unbekannt, da der Disney-Konzern lange vortäuschte, dass alle Comics vom Firmengründer Walt Disney geschaffen worden seien. Barks’ Bewunderer, die den Namen des Zeichners deshalb nicht kannten, nannten ihn “The Good Artist”, dessen Stil durch eine hervorragende Darstellung von Gestik und Mimik geprägt war. Er vertrat die Ansicht, dass der Mensch ambivalent sei, dass auch in einem schlechten Menschen etwas Gutes stecken würde, umgekehrt aber vermeintlich gute Menschen auch über böse Seiten verfügen würden, wodurch dem Menschen mit einer skeptischen Grundhaltung zu begegnen sei. Zum Beispiel ist Donald Duck nicht nur Pechvogel und autoritärer Erzieher, manchmal hat er Glück oder zeigt Güte gegenüber seinen Neffen Tick, Trick und Track.
Der Disney-Konzern indes hatte ein anderes Weltbild, was von Harmonie und der Ausklammerung von Konflikten, Trauer, Tod und Sexualität geprägt war, das heißt, die dunklen, bösen, widersprüchlichen Seiten des Menschen wurden ausgeklammert. Dies mag auch für das Deutschland der 1950er gelten, in dem Comics als “Schund und Schmutzliteratur” galten. Besonders das damalige Bildungsbürgertum wehrte sich gegen den vermeintlichen Angriff auf die von einem klassischen Literaturkanon geprägte Kultur. Kinder sollten von Comics ferngehalten werden, da sie schädlich seien. Im Rahmen der Diskussion des Vortrages kam die Frage auf, ob dies mit einem im Nachkriegsdeutschland verbreiteten Anti- Amerikanismus zusammenhängen würde.
Unabhängig von diesen Bedenken übersetzte Erika Fuchs die Comics von Barks und reicherte dieses “Schandmedium” mit - oft abgewandelten - Zitaten klassischer deutscher Literatur, insbesondere der Lyrik an. Laut Rieken gelänge es der Lyrik am Besten, die Realität abzubilden, da sie auch Widersprüche und Zweifel des Menschen thematisieren und transportieren könne. Er bescheinigt den Übersetzungen von Erika Fuchs eine hohe literarische Qualität. Sie erschafft eine Kunstsprache, die sich aus Umgangssprache, klassischer Sprache und Zitaten zusammensetzt.

In der Diskussion dieses Beitrages wurde von Zuhörern die These aufgestellt, dass die Verwendung und Umwandlung von Zitaten klassischer Literatur und die teilweise Imitation klassischer Sprache dazu dienen könnte, die klassischen Texte vom Sockel zu stoßen, eine Art Abrechnung mit ihnen zu betreiben. Dagegen können einige Einwände vorgebracht werden. Die Texte werden als Material verwendet und in einen neuen Kontext gestellt. Erika Fuchs verwendet sie nicht nur als Arbeitsmaterial, sondern variiert sie fast auf spielerische Weise. Dadurch haben die Comics auch eine bewahrende Funktion, da unsicher ist, ob klassische Texte in 1000 Jahren noch erhalten sein werden, oder sich dann lebende Menschen noch an sie erinnern. In Comics können aber Fragmente klassischer Texte möglicherweise für einen längeren Zeitraum überdauern.

Im Laufe der Geschichte der Menschheit werden laufend neue Werke geschaffen, sowohl im technischen, als auch im künstlerischen Bereich. Bestehende oder alte Werke können an Bedeutung oder Nutzen verlieren und der Vergessenheit oder Vernichtung anheim fallen. Deshalb ist sollte die Verwendung alter Textfragmente zur Schaffung neuer literarischer Werke nicht als Frevel an der Klassik, sondern wertfrei als Veränderung, oder optimistisch als Bereicherung angesehen werden.

Datum: Dienstag, 25. September 2007, 17:04 Uhr
Themengebiet: Vorträge Trackback: Trackback-URL
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