Katrin Amelang

von Peter

“Vergewisserte” Alltagspraxen chronisch Kranker, oder: Die Verhandlung von medizinischem Wissen zwischen Sprechzimmer, Internet und Alltagsverstand.

Medizinwissenschaftliches Wissen kann heute nicht mehr als stabil gelten - zu schnell verändern sich dafür in diesem Fach Stand und Umfang aktueller Informationen. Das fährt dazu, dass vor allem im Fall chronischer Krankheiten die Grenze zwischen Laie und Experte durchlässig wird: Bleibt der Experte nicht stets auf dem aktuellen Stand der Forschung, wird er schnell zum Laien in speziellen Fragen. Umgekehrt eignen sich viele Betroffene umfangreiches Wissen über ihre Krankheit an, das sie zu Profis in einem eng begrenzten Bereich macht. Dabei verbinden sie abstraktes, angeeignetes Fachwissen mit dem eigenen spezifischen Erfahrungswissen. Das beschrieb Katrin Amelang am Montag in ihrem Beitrag des Panels - Wissenstransfer und Medienpraxen im Kontext biopolitischer Asemblages. Ethnographische Annäherung.

Als medialen Hintergrund für diese Entwicklung machte Amelang die besondere Möglichkeit zur Information im Internet deutlich: Dieser ebenso große wie heterogene Medienkomplex ermöglicht es, sich vielfältig über eigene Krankheiten zu informieren. Dabei stehen populäre Lexikoneinträge, Pharma-Anzeigen, medizinische Fachliteratur, Informationen zu Selbsthilfegruppen und schließlich auch Berichte Betroffener nebeneinander.

In ihrer Darstellung der Vereinnahmung medizinischen Wissens durch Laien im Alltag machte die Berliner Kulturwissenschaftlerin verschiedene Typen deutlich: Dazu gehören zum Beispiel “Informationsjäger”, die möglichst viel Wissen sammeln, um den Experten auf Augenhöhe zu begegnen. Mitglieder einer anderen Gruppe werden sich dagegen zwar den eigenen Symptomen bewusst, erklären sich diese aber - bewusst oder unterbewusst - mit falschen Diagnosen, um sich nicht dem Faktum schwerer chronischer Krankheiten stellen zu müssen.

Datum: Montag, 24. September 2007, 22:19 Uhr
Themengebiet: Vorträge Trackback: Trackback-URL
Feed zum Beitrag: RSS 2.0 Diesen Artikel kommentieren

Kommentar abgeben

Login erforderlich